Abitur

Abitur-Rede 2019 des Schulleiters Dr. Detlef v. Elsenau (Auszug) Empfehlung

Als Schulleiter des Heinrich-Heine-Gymnasiums begrüße ich alle Anwesenden sehr herzlich zur feierlichen Entlassung der Abiturientia 2019. 

94 Schülerinnen und Schülern sind zum Abitur zugelassen worden, davon haben 91 das Abitur erreicht, das ist ein wirklich guter Schnitt.

Mit einer “1” vor dem Komma haben 21 Schülerinnen und Schüler bestanden, davon 6 mit der Note 1,0.

An dieser Stelle noch einmal allen, die das Abitur bestanden haben, einen herzlichen Glückwunsch.

Sie gehen jetzt. Und es sind unweigerlich die letzten Momente in ihrem Dasein als Schülerinnen oder Schüler. Und ich lasse Sie nur ungern gehen, da mir Ihre Stufe ans Herz gewachsen ist. Das liegt einerseits daran, dass Sie eine wirklich tolle Stufe sind. Andererseits aber sicherlich auch daran, dass Sie die letzte Stufe sind, die ich als Schulleiter verabschiede. Auch prägen meine Erinnerungen an meinen letzten LK die emotionale Beziehung zu Ihrer Stufe. Aber wie dem auch sei, wir müssen loslassen können.

Gleich wird der Moment gekommen sein, auf den sie alle so lange hingearbeitet haben. Sie erhalten mit dem Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife den höchsten Bildungsabschluss, der in der Bundesrepublik Deutschland erworben werden kann. Mit diesem Zeugnis erhal-ten Sie gewissermaßen einen Schlüssel, einen Schlüssel zu Türen, die anderen verschlossen bleiben.

Hinter jeder dieser Türen finden Sie große Chancen, ihr Leben erfolgreich zu bestreiten. Was der Schlüssel allerdings nicht enthält, ist die Garantie auf Erfolg. Dieser Erfolg hängt im Wesentlichen von Ihnen selbst ab, von Ihrem Willen, von Ihren Anstrengungen auf dem Weg dorthin und nicht zuletzt von Ihren Kompetenzen, die sie auf dem Weg zu Ihrem Abitur erworben haben.

Jedes Mal, wenn wir Schülerinnen und Schüler in diese neue Lebensphase entlassen, fragen wir uns, ob wir sie gut genug vorbereitet haben. Denn die neue Welt, in die wir Sie entlas-sen, zeichnet sich in erster Linie durch eines aus: durch Komplexität.

Wie wir täglich in unserer Gesellschaft erfahren, macht Komplexität den Menschen Angst. Viele fühlen sich überfordert, weil sie kaum noch in der Lage sind, die vernetzten Mechanismen zu überblicken und zu verstehen. Die Sehnsucht vieler in unserer Gesellschaft gilt klaren Verhältnissen, klaren Regeln und einfachen Lösungen.

Es gibt politische Kräfte in unserer Gesellschaft wie in anderen Ländern, die diese Sehnsucht erkannt haben und versuchen, aus dieser Sehnsucht der Menschen politisches Kapital zu schlagen. Es ist meine große Hoffnung, dass Ihre Zeit am Heinrich-Heine-Gymnasium dazu beigetragen hat zu erkennen, dass es für komplexe Probleme keine einfachen Lösungen geben kann und Sie gelernt haben, allen zu misstrauen, die lautstark oder auch sehr subtil einfache Lösungen propagieren.

Wir, ihre Lehrer und sicherlich auch ihre Eltern haben die Hoffnung, dass der Geist dieser Schule, der insbesondere durch die Liebe zur Vielfalt und Toleranz geprägt ist, so tief in ihnen verankert ist, dass Sie in den gesellschaftlichen Positionen, für die Sie nun Ihre Schlüssel erhalten werden, Ihren Einfluss, Ihren Willen, ihre Fähigkeiten so nutzen werden, dass Toleranz und Vielfalt auch weiterhin unsere Gesellschaft kennzeichnen und unser Zusammenleben prägen.

Ihr Abiturjahrgang 2019 ist in besonderer Weise mit der Geschichte unserer Republik verbunden: es ist auch das Jahr, in dem unser Grundgesetz, die Verfassung unseres Landes, 70 Jahre alt wird. Diese Verfassung gilt weltweit als eine der freiheitlichsten. Sie stellt das menschlichste aller Bedürfnisse, die persönliche Freiheit in das Zentrum all ihrer Aussagen. Diese Verfassung geht soweit, dass sie die Würde des Menschen als absolut, als a priori formuliert. In Art. 1 Abs. 1 unserer Verfassung heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Bereits mit in dieser ungewöhnlichen Formulierung soll unmissverständlich deutlich gemacht werden, dass dieses Menschenrecht der Zustimmung durch eine Mehrheit nicht bedarf, aber auch nicht durch einen Mehrheitsbeschluss revidiert werden kann.

Die Formulierung kann uns aber nicht darum hinwegtäuschen, dass die Würde von Menschen zu jeder Zeit und auch heute noch millionenfach angetastet und bedroht wird.

Es wird also unsere Aufgabe bleiben, tagtäglich dafür einzutreten, dass unsere Grundrechte erhalten bleiben und nicht Zug um Zug verloren gehen.

Und dass es sich hierbei nicht um ein abstraktes Szenario handelt, sehen wir täglich, wenn wir in die Nachrichten schauen und erleben müssen, wie die Pressefreiheit und die zentralen Grundsätze unserer Demokratie: Gewaltenteilung und Rechtstaatlichkeit mitten in Europa in nicht wenigen Ländern mehr und mehr ausgehöhlt werden.

Ich hoffe, dass Ihnen unsere Schule in den letzten Jahren das notwendige Rüstzeug zur Verfügung stellen konnte, damit Sie alle zu einer Persönlichkeit heranwachsen konnten, für die die Komplexität unserer Gesellschaft in erster Linie als Chance wahrgenommen wird, ein selbstbestimmtes und facettenreiches Leben führen zu können.

Sie erhalten gleich zusammen mit Ihrem Abiturzeugnis auch eine aktuelle Ausgabe des Grundgesetztes; zum einen in Erinnerung an die historische Verbindung ihres Abiturjahrgangs mit unserem Grundgesetz, zum anderen als Zeichen unserer Hoffnung, dass sie auf Ihrem sicherlich erfolgreichen Weg nicht vergessen mögen, welcher gesellschaftlicher Auftrag sich mit dem Erhalt ihres Abiturzeugnisses verbindet.

In diesem Sinne:

Zu Ihrem bestandenen Abitur meine allerherzlichsten Glückwünsche. Halten Sie Ihrer alten Schule gedanklich die Treue und seien Sie versichert, dass Sie jederzeit herzlich willkommen sind und wir uns sehr freuen würden, Sie zu dem einen oder anderen Anlass wieder treffen zu können.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien heute und in Zukunft Gesundheit und Zufriedenheit, Glück und Erfolg!

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