Abitur

Abiturrede 2018 Empfehlung

Spuren hinterlassen

Sie können sich sicher sein, dass einige von Ihnen sogar tiefe Spuren hinterlassen haben und das nicht nur in den Gesichtern und den Seelen ihrer Eltern und einiger Lehrerinnen und Lehrer hinterlassen haben.

Wie es in dem Lied von „Alle Farben“ so schön heißt:

„Bad ideas make the best memories“

erinnern wir uns natürlich an diejenigen von Ihnen besonders, die „schlechte“ Ideen hatten. Auch werden Sie sich in ihrer eigenen Erinnerung an Ihre Schulzeit genau daran erinnern, welchen Mist der eine oder andere im Laufe seiner Schulzeit gemacht hat und sich im Nachhinein gerne daran machen, die Geschichten ein wenig ausschmücken und letztlich herzhaft darüber lachen.

Aber das sind ja nicht unbedingt die Spuren, von denen wir träumen, dass wir sie hinterlassen. Letztlich wollen wir, dass sich die Menschen positiv an uns erinnern, dass wir im wörtlichen Sinne Eindruck gemacht haben, Teil eines Ganzen geworden sind. Wir wollen etwas verändern und wollen, dass diese Veränderung was mit uns zu tun hat, wollen dass der Erfolg den eigenen Namen trägt.

Um Spuren hinterlassen zu können, müssen wir allerdings zulassen, dass andere Menschen Spuren in uns hinterlassen. In diesem Sinne wollen natürlich auch wir – Ihre Lehrerinnen und Lehrer, dass unsere Schule Suren bei Ihnen hinterlassen hat.

Es wird so viel geschimpft auf Schule. Die Gehirnforschung (allen voran die Herren Spitzer und Hüter) behauptet, dass wir in der Schule alles falsch machen, was man falsch machen kann. Sie bemängeln besonders an Schule: Falsche Lebenszeit, falsche Tageszeit, Spaßfreiheit des Lernens.

In den 60er Jahren forderte der US-amerikanische Philosoph und Theologe Ivan Illich, Schulen grundsätzlich abzuschaffen. Schule sei überflüssig, ja sogar schädlich. Vielmehr müsse es überall in den Ländern dieser Welt Infobörsen geben, die für alle jederzeit zugänglich seien und so könnten sich dann alle Menschen selbst bilden, zur richten Lebens- und Tageszeit und wann immer Sie gerade Spaß daran haben.

Heute gibt es diese Börse: das Internet. Aber ist Schule deswegen schon überflüssig geworden?

Nein das Internet bietet Informationen, unüberschaubar viele Informationen, aber weder Orientierungswissen noch Kontextwissen und schon gar keine Bildung.

Eine Information an sich ist wertlos. Sie erfährt ihre Bedeutung erst in dem Moment, in dem ich sie interpretiere, in einem Zusammenhang verorte, letztlich bewerte und ihr also eine Bedeutung beimesse. Die Entwicklung der Fähigkeit zur Interpretation und Bewertung von Informationen ist eine der notwendigen Voraussetzungen zur Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit. Allerdings setzt der Erwerb dieser Fähigkeit paradoxer Weise voraus, dass ich schon über so etwas wie eine eigene Persönlichkeit verfüge.

Diesen Widerspruch kann aus meiner Sicht die Schule auflösen und es ist damit eine ihrer wichtigsten Aufgaben. In diesem Sinne ist die Schule eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit.

Denn es gibt einen Königsweg der Entwicklung einer eigenen Persönlichkeit, und dieser Königsweg heißt Erfahrung. Erfahrungen sind immer das Ergebnis des eigenen Handelns und sie sind häufig das Ergebnis des Scheiterns an einer Aufgabe.

Dass uns diese Prozesse des Scheiterns nicht zerstören, sondern in unserer Entwicklung nach vorne bringen, setzt voraus, dass wir sie in einem Raum machen können, indem uns Menschen begleiten - Menschen, die diese Erfahrungen bereits gemacht haben, die die Konsequenzen kennen und für uns abmildern. Das gilt in erster Linie für die eigene Familie aber im Besonderen auch für die Schule.

Es ist für uns unverzichtbar wichtig, dass wir in unserem Leben immer wieder auf Menschen treffen, die uns Erfahrungswelten eröffnen, die über den Rahmen dessen herausgehen, was wir in unserer Kindheit erlebt haben.

Unsere Schule hat Sie mit Menschen unter Ihren Lehrern und unter Ihren Mitschülern zusammengebracht, für die es sich gelohnt hat, sie kennenzulernen, mit ihnen zusammen gewesen zu sein, sich mit ihnen auseinandergesetzt zu haben. Menschen, die Sie beeindruckt haben, in deren Nähe Sie sich wohlgefühlt haben.

Und auch in Zukunft werden Sie immer wieder auf Menschen stoßen, die Ihren Lebensweg kreuzen und dadurch, dass sie das tun, alles verändern, Menschen, für die es sich lohnt, anzuhalten, durchzuatmen und zu genießen. Es wird sich dabei um Menschen handeln, die Ihr Leben in ein Vorher und Nachher gliedern und die, wenn sie gehen, eine gleichermaßen tiefe wie unauslöschliche Spur in Ihrer Erinnerung und in Ihrer Persönlichkeit hinterlassen.

Aber bei aller Bedeutung dieser Begegnungen für unsere Persönlichkeitsentwicklung sollten Sie eines nicht vergessen:

„Man kann niemanden überholen, wenn man in seine Fußstapfen tritt.“ So formuliert es französische Filmregisseur und Schauspieler François Truffaut so treffend.

Ihre Spuren werden nur sichtbar, wenn Sie die vorgefertigten Spuren zu gegebener Zeit verlassen, die eingetretenen Pfade auf Dauer meiden.

Da diese Erkenntnis für Ihre Persönlichkeitsentwicklung von so großer Bedeutung ist, möchte ich Ihnen allen abschließend noch einen Rat mit auf Ihren Lebensweg geben: Trauen Sie keinem, der von Ihnen verlangt, genau in seiner Spur zu bleiben. Verweigern Sie diese Aufforderung, egal von welcher sie auch kommen mag, treffen Sie Ihre eigenen Entscheidungen.

Ich hoffe, die Zeit in unserer Schule hat viel dazu beitragen können, Sie bei Ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu unterstützen.

In diesem Sinne:

Zu Ihrem bestandenen Abitur meine allerherzlichsten Glückwünsche. Halten Sie Ihrer alten Schule gedanklich die Treue und seien Sie versichert, dass Sie jederzeit herzlich willkommen sind und wir uns sehr freuen würden, Sie zu dem einen oder anderen Anlass wieder treffen zu können.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien heute und in Zukunft Gesundheit und Zufriedenheit, Glück und Erfolg!

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