2004

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2004 (2)

Volkstrauertag in Ysselsteyn

  • Publiziert in 2004

Volkstrauertag in Ysselsteyn: Zündende Idee mit Ausstrahlung

"Die Idee wurde hier geboren und kehrt nun an ihren Urspmngsort zurück", sagt Katharina Prammer. In den blass-grünen Augen der 18-Jährigen spiegeln sich in diesem Moment die endlosen Grabreihen des deutschen Soldatenfriedhofes im niederländischen Ysselsteyn. Sie ist eine von 80 Schülern des Dortmunder Heinrich- Heine-Gymnasiums. Am Volkstrauertag lassen die Jugendlichen ein ganz besonderes Projekt Wirklichkeit werden: 10 000 Lichter sollen an die Opfer von Krieg und Gewalt erinnern.

 "Ursprünglich sollten es nur 1000 sein - und selbst das erschien uns als übergroße Aufgabe", sagt ihre Mitschülerin Angelika Lendzian. Mittlerweile haben sich die Maßstäbe verschoben. Angesichts des millionenfachen Sterbens der Weltkriege erscheint dann auch das 10 000-Lichter-Projekt in einem anderen Licht. So sahen es auch viele VolksbundMitglieder, die für die Aktion gespendet hatten.

Zeichen mit tiefer Symbolkraft

Kerzen spenden Wärme. Ihre Flammen, die uns Menschen schon seit Jahrtausenden begleiten, strahlen eine tiefe Symbolkraft aus. Sie begleiten uns durch unser Leben. Sie leuchten an jedem Geburtstag, zur Taufe, an Weihnachtenund werden eines Tages ~uch unser Grab erleuchten. Ihr Feuer speist sich aus einem Gedanken: "Du bist nicht vergessen, denn wir erinnern uns an Dich!" Inzwischen weht eine frische Novemberbrise über den Soldatenfriedhof. Eigentlich ist es nur ein kleiner Windstoß, der
jäh über die 31 000 Gräber zieht. Für die rund 80 Schüler bedeutet das ein ernsthaftes Problem. Tatsächlich scheint das ganze Projekt gefährdet. "Die Kerzen brennen einfach nicht", sagt ein entmutigter Fünftklässler und kreuzt die Arme.
Er bleibt ungetröstet, die Zeit rennt. Schließlich ist der Schulchor um Referendarin Nadine Strothmüller auch an der großen Gedenkfeier maßgeblich
beteiligt. Und nachdem sie den ganzen Morgen die vielen Kerzen auf dem 28 Hektar großen Gelände verteilt haben, bleibt keine Zeit mehr, sie wieder und wieder zu entflammen.

Die Idee kommt an

Inzwischen ist es Nachmittag. Viele hundert Besucher sind gekommen. Die Idee mit den Kerzen findet viel Zuspruch. "Es ist auch gar nicht so schlimm, dass die Lichter jetzt noch nicht brennen. Die Idee kommt dennoch an, die Botschaft ist klar"-, beruhigen die federführenden Pädagogen Reinhard Bremke und Anna Pappert die Schülerschar, die gerade aus dem großen Bundeswehr-Topf die obligatorische Erbsensuppe schöpft.
"Hier weht der Wind der Veränderung", heißt es dann in der Ansprache von Wolf gang Held. Der Volksbund-Mitarbeiter vom Landesverband NordrheinWestfalen meint damit auch die englischen Lieder, die von den deutschen Jugendlichen auf niederländischem Boden gesungen werden. Die Gedenkworte und Gebete zeigen den internationalen Charakter des Gedenkens. Die holländische Schulsprecherin Jessica Frembgen spricht ebenso zu den Angehörigen wie Wolfram Kuschke, der Minister für Europa-Angelegenheiten des Landes Nordrhein-Westfalen, oder der deutsche Botschafter in den Niederlanden, Dr. Edmund Duckwitz.
Als die Gedenkfeier allmählich ausklingt, wagen die älteren Schüler einen letzten Versuch. Plötzlich herrscht absolute Windstille.
Noch einmal klicken unzählige Feuerzeuge in Schülerhand - und diesmal mit Erfolg: Die Kerzen brennen, erst hundertfach, dann tausende. Über den ganzen Friedhof verteilt helfen nun auch die Besucher mit und unterstützen die Schüler. Die sind wieder hochmotiviert, als sie sehen, wie das Gesamtbild entsteht.

Licht von 10 000 Kerzen

"Ich arbeite jetzt schon fast 30 Jahre auf diesem Friedhof, aber so schön war er noch nie", platzt es dann auch aus dem holländischen Pflege arbeiter Gerrit Hendrix heraus. So wie ihm geht es heute vielen Gästen in Ysselsteyn - und vor allem den erschöpften Schülern. Die Freude über die gelungene 10 ooo-Lichter-Aktion ist deutlich in ihren müden, aber glücklichen Gesichtern abzulesen.
Dann meldet sich Katharina Prammer noch einmal zu Wort. In der Dämmerung war sie besonders fleißig mit dem Stabfeuerzeug durch die Grabreihen gegangen. Jetzt wirkt sie in sich gekehrt, nachdenklich. "Eigentlich würde ich jetzt gerne weitermachen", sagt sie schließlich: "Hier sollte auf jedem der 30 000 Gräber eine Kerze stehen."

Maurice Bonkat

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